09.07.2015
Werner Faymann: "Fristverlängerung für Griechen nicht möglich." (in: "Kurier")

Kurier: Herr Bundeskanzler, legt Tsipras eine Reform vor?

Werner Faymann: Er sagte es und will am Juncker-Plan mit Veränderungen anknüpfen. Er sagte auch, dass Maßnahmen im Bereich Pensionen, Steuern und Verwaltung, also Einsparungen, vom Parlament vorab beschlossen werden sollen, um die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen.

Kurier: Werden Sie mit Tsipras reden?

Faymann: Ich habe mit Jean-Claude Juncker vereinbart, dass ich Vermittlungsarbeit bei Tsipras und EU-Kollegen leiste, wenn es nötig ist. Juncker hat mich darum ersucht. Ich werde dafür auch den österreichischen Chefkoordinator der Eurogruppe, Thomas Wieser, und Notenbankchef Ewald Nowotny heranziehen. Die EU-Partner sind enttäuscht, dass die Athener Verhandler vom Tisch aufgestanden sind. Das macht man einfach nicht.

Kurier: Die Mehrheit der Regierungschefs ist äußerst skeptisch, dass Griechenland ein Reformpaket abliefert?

Faymann: Die breite Skepsis besteht durchaus. Die Mehrheit hat ausgedrückt, dass sie an so ein Programm nicht glaubt, bestenfalls hofft. Eine Fristverlängerung für die Griechen ist nicht mehr möglich.

Kurier: Also, es kommt zum Grexit?

Faymann: Wenn die Banken zusammenbrechen, bricht auch die Wirtschaft zusammen. Das schafft dann die Fakten.

Wie viel kostet Österreich eine griechische Staatspleite?

Faymann: Die Beträge sind nicht geheim: Es gibt einen bilateralen Kredit in Höhe von 1,56 Milliarden Euro. Dazu kommt Österreichs Anteil am Rettungsprogramm mit Zinsen, Haftungen und Garantien mit sieben Milliarden Euro. Wie viel schlagend wird, kann man schwer sagen. Selbst bei einer Pleite verzichtet man nicht auf alles. In Uruguay haben die Gläubiger 13 Prozent, in Argentinien 73 Prozent verloren. Bei den Krediten beginnt die Rückzahlung erst im Jahr 2020.

Kurier: Wie sehr schadet das bisherige Krisenmanagement der EU?

Faymann: Es schadet dem Vertrauen in der Welt. Die EU ist Friedensnobelpreisträger, aber für heikle Fragen, wie Griechenland, Armut oder Flüchtlinge, hat sie zu wenig Instrumente. Die EU ist zu oberflächlich organisiert, sie ist zu wenig tief, um von der Wurzel her Probleme zu lösen. Zu einer gemeinsamen Union war man wegen nationaler Interessen nie bereit. Bei Einführung der gemeinsamen Währung war es ein Fehler, bestimmte Instrumente nicht zu installieren. Derzeit schreitet die EU zur Reparatur wie ein Handwerker ohne Werkzeugkoffer.

Kurier: Das heißt, Griechenland ist auch eine Krise der EU?

Faymann: Die EU ist in einer kritischen Phase, Asyl und Währungsunion zeigen es. Beides steht auf Messers Schneide. Es geht um die Zukunft der EU und deren Glaubwürdigkeit. Zweitens zeigt sich, dass Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden.

Interview wurde geführt von Margaretha Kopeinig

Weitere Interviews

Zur Übersicht